Die neue amerikanische Lebensmittelpyramide – ein Blick darauf aus Schweizer Perspektive
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Die USA haben ihre Ernährungsempfehlungen 2025–2030 veröffentlicht und ihre Lebensmittelpyramide neu gestaltet. Die neue Grafik unterscheidet sich deutlich von bisherigen Darstellungen und auch von den Ernährungsempfehlungen, wie wir sie aus der Schweiz kennen.
Die auffälligste Veränderung ist, dass die Pyramide optisch „auf den Kopf gestellt“ wurde. Der breite obere Bereich – der traditionell für „Viel davon“ steht – enthält nun:
proteinreiche Lebensmittel (rotes Fleisch, Geflügel, Fisch, Eier)
Vollfett-Milchprodukte (Milch, Joghurt, Käse, Butter)
fettreiche Lebensmittel und Öle
Gemüse und Früchte
Am schmalen unteren Rand der Pyramide befinden sich hingegen Vollkornprodukte, während raffinierte Kohlenhydrate, Zucker und stark verarbeitete Produkte kaum vorkommen oder ausgeschlossen werden. Der begleitende Slogan lautet: „Eat real food!“
Damit setzt die USA drei klare Schwerpunkte:
mehr Protein
mehr Fett (inkl. gesättigte Fette)
weniger Kohlenhydrate, insbesondere raffinierte Kohlenhydrate
Mehr Protein
Die neuen US-Richtlinien empfehlen eine tägliche Proteinzufuhr von 1,2–1,6 g pro kg Körpergewicht, was fast eine Verdoppelung der bisherigen Empfehlungen ist.
Aus ernährungsphysiologischer Sicht kann eine höhere Proteinzufuhr durchaus sinnvoll sein, insbesondere mit zunehmendem Alter, bei Muskelabbau, Stress, Krankheit, körperlicher Aktivität oder einer gewünschten Gewichtsreduktion.
Auffällig ist jedoch, dass die neue Pyramide optisch so gestaltet ist, als solle der erhöhte Proteinbedarf vor allem über tierische Produkte gedeckt werden.
Fleisch in den neuen US-Richtlinien vs. Schweiz
Die US-Guidelines empfehlen für ein 2‘000-Kalorien-Ernährungsmuster etwa 3–4 Portionen proteinreicher Lebensmittel pro Tag. Eine Portion entspricht rund 85 g gegartem Fleisch, Geflügel oder Fisch, kann aber ebenso durch pflanzliche Proteine wie Hülsenfrüchte, Tofu, Tempeh, Nüsse oder Eier ersetzt werden.
In den begleitenden Dokumenten gibt es keine explizite Obergrenze für Fleisch. Diese offene Formulierung wurde von mehreren Fachpersonen kritisiert. Christopher Gardner, Ernährungswissenschaftler an der Stanford University, weist darauf hin, dass viele Amerikaner bereits heute einen grossen Teil ihres Proteins über Fleisch beziehen. Ohne klarere Begrenzung bestehe die Gefahr, dass dieser Anteil weiter steigt und damit der evidenzbasierten Empfehlung widerspricht, vermehrt auch pflanzliche Proteine zu integrieren.
Die Schweiz formuliert den Fleischkonsum klarer:
2–3 Portionen Fleisch pro Woche, à 100–120 g
ergibt ca. 200–360 g Fleisch pro Woche
Die Schweizer Empfehlungen fördern damit sowohl Abwechslung als auch pflanzliche Proteinquellen, was langfristig metabolisch und kardiovaskulär sinnvoll ist.
Fette und Milchprodukte
Ein weiterer Unterschied der neuen US-Pyramide ist die deutliche Rehabilitierung von Fetten. Die lange Phase der „fettfreien“ oder „low-fat“ Produkte scheint vorbei zu sein. Stattdessen wird korrekterweise betont, dass Fett ein wichtiger Bestandteil der Ernährung ist, Energie liefert, zur Aufnahme fettlöslicher Vitamine beiträgt und Sättigung fördert. Besonders natürlich vorkommende Fette aus Lebensmitteln wie Nüsse und Samen, Olivenöl, Avocado, fettiger Fisch und Milchprodukte werden positiv bewertet.
Diese Entwicklung ist sinnvoll, da Fett jahrzehntelang pauschal stigmatisiert wurde, obwohl die Evidenz zeigt, dass es vor allem auf Qualität und Verarbeitung ankommt. Fette in stark verarbeiteten Fertigprodukten, Backwaren oder frittierten Speisen sind nach wie vor ungünstig.
In der neuen US-Pyramide werden gesättigte Fette sehr prominent dargestellt, obwohl sie in den Nebendokumente weiterhin auf etwa ≤ 10 % der täglichen Energiezufuhr begrenzt werden. Dieser Widerspruch wird ebenfalls kritisiert. Gesättigte Fette kommen vor allem in rotem Fleisch, Butter und Vollfett-Milchprodukten vor, weshalb deren Anteil zwar nicht ausgeschlossen, aber bewusst eingeordnet werden sollte. Institutionen wie die American Heart Association und die Academy of Nutrition and Dietetics betonen weiterhin, dass ein Übermass gesättigter Fette mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden ist.
Vollmilchprodukte wie Milch, Joghurt und Käse sind durchaus Teil einer gesunden Ernährung. Interessanterweise zeigen Studien, dass der Fettgehalt bei Milchprodukten für das kardiovaskuläre Risiko oft weniger relevant ist als vermutet. Der Kontext innerhalb der gesamten Ernährung spielt eine grössere Rolle.
Kohlenhydrate
In der neuen US-Pyramide werden Kohlenhydrate sichtbar reduziert. Während dies für raffinierte Kohlenhydrate wie Zucker und Weissmehlprodukte sinnvoll ist, wirkt die grafische Darstellung insgesamt zu wenig differenziert. Komplexe Kohlenhydrate wie Vollkornprodukte und Hülsenfrüchte geraten optisch in den Hintergrund.
Das ist problematisch, weil Nahrungsfasern eine zentrale Rolle für die Gesundheit spielen, unter anderem für Darmmikrobiom, Sättigung, Cholesterin, Immunsystem und Stoffwechsel.
Nahrungsfasern kommen fast ausschliesslich in pflanzlichen Kohlenhydraten vor, insbesondere in Vollkorngetreiden, Hülsenfrüchten, Gemüse, Früchten und Nüssen. Komplexe Kohlenhydrate sind daher nicht hinderlich, sondern für viele Stoffwechselprozesse essenziell. Ein weitgehender Verzicht zugunsten von Proteinen und Fetten wäre aus ernährungsphysiologischer Sicht nicht sinnvoll.
Mein Fazit
Die neue amerikanische Lebensmittelpyramide setzt einige sinnvolle Akzente. Die Diskussion über eine höhere Proteinzufuhr ist aus meiner Sicht berechtigt. In meiner Praxis sehe ich viele Frauen, die nicht einmal die in der Schweiz empfohlenen 0,83g Protein pro Kilogramm Körpergewicht erreichen. Insbesondere wenn wenig Fleisch und Milchprodukte gegessen werden, Mahlzeiten ausgelassen werden oder die Energiezufuhr reduziert ist. Für Frauen in und nach den Wechseljahren, bei Gewichtsreduktion, für den Muskelerhalt oder nach einer Krebsdiagnose kann eine erhöhte Proteinzufuhr von 1,2–1,5 g pro Kilogramm Körpergewicht sinnvoll sein.
Kritisch einzuordnen ist jedoch, dass die visuelle Darstellung der neuen Pyramide den Eindruck vermittelt, Protein solle vorwiegend aus tierischen Quellen stammen und komplexe Kohlenhydrate spielten eine untergeordnete Rolle. Das widerspricht dem heutigen Wissensstand zu Darmmikrobiom, Nahrungsfasern und langfristiger Gesundheit. Wichtig ist daher, Proteinquellen gemischt zu wählen – mit einem relevanten Anteil an pflanzlichen Proteinen aus Hülsenfrüchten, Tofu, Nüssen, Samen und Vollkornprodukten. Komplexe Kohlenhydrate sind keineswegs „unerwünscht“, sondern durch ihren Gehalt an Nahrungsfasern zentral für Verdauung, Stoffwechsel und Herz-Kreislauf-Gesundheit.
Positiv hervorzuheben ist der Slogan „Eat real food!“, da der Verzicht auf stark verarbeitete Produkte nachweislich mit gesundheitlichen Vorteilen verbunden ist. Das gilt auch für Produkte, die als „proteinreich“ vermarktet werden, aber hochverarbeitet sind.
Wenn du Fragen hast oder Unterstützung bei der Umsetzung einer proteinreichen, gleichzeitig nahrungsfaserreichen und alltagstauglichen Ernährung suchst, begleite ich dich gerne dabei.



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